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Hundefutter ohne Hochglanz: Was im Napf wirklich zählt

Von Futterprüfer · · Zuletzt aktualisiert: 09. Oktober 2026

Frau liest in der Küche die Rückseite eines Hundefuttersacks, neben ihr sitzt ein Golden Retriever

Ein kritischer Blick auf Zutaten, Etiketten und Werbeversprechen – inspiriert von Hans-Ulrich Grimms Katzen würden Mäuse kaufen: Schwarzbuch Tierfutter, aber abgeglichen mit aktuellen Ernährungsleitlinien.

Ein kritischer Blick auf Zutaten, Etiketten und Werbeversprechen – inspiriert von Hans-Ulrich Grimms Katzen würden Mäuse kaufen: Schwarzbuch Tierfutter, aber abgeglichen mit aktuellen Ernährungsleitlinien.

„Katzen würden Mäuse kaufen“ – der zugespitzte Titel von Hans-Ulrich Grimms Buch stellt eine Frage, die auch Hundehalter umtreibt: Was steckt tatsächlich im Napf, wenn die Verpackung nach Wildnis, Frische und Premiumküche aussieht? Grimms Buch nimmt die Tierfutterindustrie und ihre Vermarktung kritisch ins Visier. Es ist ein Recherchebuch, kein aktuelles Handbuch für die Rationsplanung. Seine Skepsis ist ein guter Anlass, genauer hinzusehen – aber alte Skandalberichte sind kein Beleg dafür, dass jedes heutige Fertigfutter minderwertig oder gefährlich wäre. [1] [2]

Der Insiderblick beginnt nicht beim Fleischanteil

Auf vielen Packungen springen große Fleischbilder und einzelne Zutaten ins Auge. Aussagekräftiger ist zunächst eine unscheinbare Kennzeichnung: Alleinfuttermittel oder Ergänzungsfuttermittel. Ein Alleinfuttermittel ist für die angegebene Tierart und Lebensphase als vollständige Ration vorgesehen. Ein Ergänzungsfutter – etwa manche Snacks, Toppings oder Einzelkomponenten – ist dagegen nicht dafür gedacht, allein dauerhaft den Nährstoffbedarf zu decken. Die europäischen Leitlinien von FEDIAF beschreiben Nährstoffempfehlungen für die Entwicklung solcher vollständigen und ergänzenden Futtermittel. Das ist eine wichtige Referenz für Hersteller, aber kein Gütesiegel, das automatisch jedes Produkt unabhängig zertifiziert. [3] [6]

Dann lohnt sich der Blick auf die Zutatenangabe. Begriffe wie „Fleisch und tierische Nebenerzeugnisse“ wirken für viele nach minderwertigem Rest. Das Etikett kann tatsächlich weniger genau sein, als Käufer es sich wünschen: Nach den europäischen Kennzeichnungsregeln können Zutaten teils mit bestimmten Sammelkategorien statt mit jeder einzelnen Tierart oder Zutat benannt werden. Solche Kategorien umfassen unterschiedliche tierische Bestandteile. Der Begriff allein verrät daher weder die genaue Rezeptur noch die ernährungsphysiologische Qualität des fertigen Futters. [4] [5]

Das ist der nüchterne Kern hinter mancher dramatischen Debatte: Nebenerzeugnis ist keine Qualitätsanalyse. Innereien wie Leber können wertvolle Nährstoffe liefern; zugleich sagt ein wohlklingender Name auf der Vorderseite noch nichts darüber aus, ob das gesamte Futter bedarfsgerecht zusammengesetzt ist. Die WSAVA, ein internationaler tierärztlicher Fachverband, weist ausdrücklich darauf hin, dass Zutatenbezeichnungen für sich genommen weder Verdaulichkeit noch Nährstoffverfügbarkeit oder Qualität des Endprodukts belegen. Entscheidend ist die fertige Rezeptur. [6]

Was die Verpackung nicht beantwortet

Ein Etikett kann gesetzlich vorgeschriebene Angaben enthalten und trotzdem wichtige Fragen offenlassen. Wer stellt das Futter her? Wer formuliert die Rezeptur? Welche fachliche Expertise ist beteiligt? Wie prüft der Hersteller die Zutaten und das fertige Produkt? Und kann er eine typische Analyse der wichtigen Nährstoffe sowie den Energiegehalt nennen?

Genau solche Fragen empfiehlt die WSAVA bei der Auswahl eines Futters. Sie rät außerdem, nach Qualitätskontrollen und vorhandenen Ernährungsstudien zu fragen. Fehlen leicht erreichbare Kontaktdaten oder kann ein Unternehmen grundlegende Fragen zur Nährstoffanalyse nicht beantworten, ist gesunde Skepsis angebracht. Das ist keine Garantie, dass ein transparent auftretender Hersteller automatisch das beste Futter produziert. Es macht aber überprüfbar, ob hinter dem Werbeversprechen fachliche Arbeit und Kontrolle stehen. [7]

Auch Begriffe wie „Premium“, „natürlich“ oder „holistisch“ sollten nicht mit einem ernährungswissenschaftlichen Qualitätsnachweis verwechselt werden. Sie können attraktiv klingen, beantworten aber nicht die entscheidende Frage: Ist dieses konkrete Futter für meinen Hund vollständig, passend und sicher hergestellt? [7]

Getreide ist nicht automatisch ein Füllstoff

Schalen mit Haferflocken und Reis als Getreide im Hundefutter

Ein weiterer verbreiteter Kurzschluss lautet: Getreide im Hundefutter sei grundsätzlich schlecht. Die WSAVA erklärt, dass Hunde korrekt verarbeitetes Getreide verdauen können und Getreide neben Energie auch Ballaststoffe und weitere Nährstoffe beitragen kann. Ob eine Rezeptur passt, hängt nicht davon ab, ob ein einzelner Zutatenname auf der Packung sympathisch klingt, sondern davon, ob die Gesamtration ausgewogen ist und zum Tier passt. Bei einer vermuteten Unverträglichkeit sollte die Ursache gezielt mit einer Tierärztin oder einem Tierarzt abgeklärt werden, statt auf Verdacht immer mehr Zutaten auszuschließen. [6]

Vier Fragen, die mehr bringen als der Blick aufs Werbefoto

Tierärztin berät eine Hundehalterin in der Praxis
  1. Ist es ein Alleinfuttermittel – und für welche Lebensphase? Wachstum, Erhaltung und besondere gesundheitliche Situationen haben unterschiedliche Anforderungen. [3] [6]
  2. Wie viele Kalorien bekommt mein Hund tatsächlich? Die Fütterungsempfehlung auf der Packung ist ein Ausgangspunkt. Leckerli, Kauartikel und Extras zählen zur Tagesration dazu. Die WSAVA stellt dafür Werkzeuge zur Ernährungsbeurteilung und Körperkondition bereit. [7] [8]
  3. Kann der Hersteller fachliche und praktische Fragen beantworten? Er sollte erklären können, wer die Rezeptur entwickelt, wie die Qualität kontrolliert wird und welche typischen Nährstoffwerte das Futter aufweist. [7]
  4. Passt die Ration zu meinem Hund? Gewicht, Körperkondition, Aktivität und Gesundheitszustand gehören mit in die Beurteilung. Ein Welpe, ein erwachsener Hund und ein Tier mit Erkrankung sind nicht einfach austauschbare „Kunden“ derselben Futtersorte. Bei Krankheit oder Unsicherheit ist tierärztliche Ernährungsberatung sinnvoll. [3] [8]

Wer selbst kocht oder roh füttert, ist übrigens nicht automatisch auf der sicheren Seite. Auch eine selbst zusammengestellte Ration muss alle benötigten Nährstoffe in passenden Mengen und Verhältnissen liefern. Die WSAVA empfiehlt, solche Rationen fachkundig formulieren und begleiten zu lassen; beliebige Internetrezepte können langfristig Lücken oder problematische Zutaten enthalten. [6]

Der nützlichste Gedanke aus der Schwarzbuch-Perspektive ist deshalb nicht „Industriefutter ist immer schlecht“. Er lautet: Lass dich nicht von der Verpackung vom Nachfragen abhalten. Ein gutes Futter erkennt man nicht allein an einem prominenten Fleischbild, einer langen Zutatenliste oder einem hohen Preis. Aussagekräftiger sind eine klare Eignung als Alleinfutter, nachvollziehbare Nährstoffinformationen, echte Qualitätskontrolle und die Frage, ob die Ration zum eigenen Hund passt. Das ist weniger spektakulär als ein Futterskandal – aber deutlich hilfreicher für den Napf.

Quellen

  1. Hans-Ulrich Grimm: Katzen würden Mäuse kaufen – Verlagsseite
  2. Deutschlandfunk Kultur: Den Knochen vom Mittagstisch gibt es nicht mehr
  3. FEDIAF: Nutritional Guidelines
  4. Europäische Kommission: Animal feed
  5. FEDIAF: Code of Good Labelling Practice for Pet Food
  6. WSAVA: Frequently Asked Questions & Myths
  7. WSAVA: Guidelines on Selecting Pet Foods
  8. WSAVA: Global Nutrition Guidelines

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